140 Jahre SPD-Ortsverein Tettnang

Von der Weiterbildung zur Arbeiterpolitik – aus der Frühgeschichte der Tettnanger Sozialdemokratie (von Andreas Fuchs)

Das politische Geschehen in der einstmaligen Oberamtsstadt Tettnang wurde seit Einführung repräsentativer Parlamente vom konservativ-katholischen Lager entscheidend geprägt. Von ihrer Gründung im Jahr 1870 bis zur nationalsozialistischen Machtübernahme 1933 erreichte die Zentrumspartei in Tettnang stets absolute, oft sogar eine Dreiviertelmehrheit; auch bei kommunalen Urnengängen trugen deren örtliche Exponenten den Sieg davon.

Die sozialdemokratische Bewegung hatte es aufgrund der wirtschaftlichen und konfessionellen Struktur sehr schwer, in Stadt und Oberamt Fuß zu fassen und an Boden zu gewinnen. Mit der 1866 erfolgten Gründung des Arbeiterbildungsvereins Tettnang gab es für die städtischen Arbeiter und Kleinhandwerker jedoch erstmals eine Alternative zu den bisherigen, katholisch geprägten Organisationsformen. Beschränkte sich der Verein anfänglich auf reine Bildungsarbeit, so wurden ab 1869 immer häufiger politische Akzente im Vereinsleben bemerkbar, die ein Jahr später schließlich zur Annäherung an die Partei August Bebels, die Sozialdemokratische Arbeiterpartei (SDAP), führten.
Die Politisierung des Vereins wurde jedoch nicht von einheimischen Mitgliedern betrieben, sondern durch äußere Einflüsse an denselben herangetragen. Beispiele hierfür waren unter anderem in ihrer politischen Auffassung schon vorgefestige Neumitglieder, welche auf den Versammlungen des Arbeiterbildungsvereins Werbung für sozialdemokratische Wertvorstellungen machten und damit offenbar auch Erfolg hatten. Immerhin 25 eingetragene Mitglieder wies die Tettnanger SDAP im Jahre 1870 auf. Dieselben waren jedoch weniger öffentlich aktiv, beteiligten sich auf Landeskonferenzen aber intensiv am innerparteilichen Meinungsbildungsprozess. Außerdem beschafften sie für ihr Vereinslokal Fotografien von Lasalle, Liebknecht und Bebel.
Zu einer dauerhaften Einrichtung in der Stadt wurde die SDAP - wohl wegen der starken Fluktuation in ihrer Mitgliedschaft – jedoch nicht. Spätestens das 1878 von Bismarck erlassene Sozialistengesetz machte Schluss mit den ersten zaghaften Ansätzen einer sozialdemokratischen Organisation in Tettnang. So blieb es den wenigen, noch vorhandenen Sympathisanten überlassen nach dem Fall des Gesetzes im Jahr 1890 einen sich vorerst auf Wahlpropaganda beschränkten Neuanfang zu wagen. Waren die Ergebnisse anfangs dürftig, so konnte ab der Jahrhundertwende eine ständig steigende Zahl von Anhängern, messbar an den Wahlergebnissen, beobachtet werden.

Nachdem im Jahr 1909 erstmals ein Maiumzug in der Stadt abgehalten wurde, „worüber die Bürger der Zentrumsdomäne Tettnang baß verwundert waren“ gelang 1920 auf Initiative des SPD-Kreisvorsitzenden Karl Ruggaber und des Tettnanger Sozialdemokraten Josel Eisele die (Wieder-) Gründung eines SPD-Ortsvereins in der Oberamtsstadt. Dieser war der dominierenden Zentrumspartei jedoch bald ein Dorn im Auge und so wurde damit begonnen, sozialdemokratrisch orientierte Arbeitnehmer an ihren Arbeitsplätzen massiv unter Druck zu setzen - bis hin zur angedrohten Entlassung. Auf diese Art und Weise gelang es den Zentrumskreisen zur Jahreswende 1911/12, den SPD-Ortsverein Tettnang zu „sprengen“. Trotz guter Wahlergebnisse waren bis zum Kriegsende 1918 keine weiteren sozialdemokratischen Aktivitäten in Tettnang feststellbar.

Das Ende des Ersten Weltkrieges und die politischen Bedingungen in der Weimarer Republik führten zu deutlich besseren Rahmenbedingungen für sozialdemokratische Bestrebungen in der Montfortstadt. Am 22. November 1918 riefen 20 Tettnanger Bürger im Gasthaus zur „Bierhalle“ den SPD-Ortsverein wieder ins Leben. Schnell wuchs die Mitgliederzahl auf 140 Personen an. Der Verein entfaltete eine Vielzahl von Aktivitäten und erreichte mit der 1919 erfolgten Wahl von Georg Martin, als ersten Sozialdemokraten ins Tettnanger Stadtparlament, einen beachtlichen Erfolg.

Wie gewonnen so zerronnen – dies wäre wohl eine passende Beschreibung der Entwicklung des Tettnanger Parteivereins in den 20er Jahren. Innerparteiliche Querelen führten binnen kurzer Zeit zur vollkommenden Lähmung der Vereinsaktivitäten, Massenaustritte und verheerende Wahlniederlagen waren die Folge. Die wenigen, ab 1923 noch verbliebenen Mitglieder brachten ohne die Unterstützung aus Friedrichshafen nicht mehr viel auf die Beine. Dennoch gelang es ihnen, die sozialdemokratische Vorläuferorganisation „Sängerbund“ und den „Mieterverein Tettnang“ aufrecht zu erhalten. Außerdem gründeten die Sozialdemokraten eine kommunalpolitische Wählervereinigung namens „ Arbeitsgemeinschaft Tettnang“ (AGT). Die AGT fungierte daraufhin als Ersatz für einen sozialdemokratischen Ortsverein, sie kandidierte zu den Stadtratswahlen und organisierte im Vorfeld von überregionalen Wahlgängen SPD-Wahlversammlungen mit teilweise namhaften Referenten. Höhepunkte sozialdemokratischer Agitation in Tettnang waren eine Kundgebung zur Fürstenenteignung (1926), ein Aufmarsch der sozialdemokratisch-republikanischen Schutzorganisation „Reichsbanner Schwarz-Rot-Gold“ (1931) sowie die aufsehenerregenden Demonstrationen gegen den Nationalsozialismus, welche ihren Abschluss mit einer Kundgebung auf dem Bärenplatz am 19. Februar 1933 fand.

Die kurz darauf stattgefundene Machtübernahme durch die Nationalsozialisten machte hier wie andernorts kurzen Prozess mit sämtlichen SPD-nahen Organisationsformen. So musste auch der einzige sozialdemokratische Stadtrat Eugen Etzel im Zuge der Gleichschaltung aus dem Stadtparlamet ausscheiden.

(Der Text wurde 1995 in der Festschrift zum 125-jährigen Bestehen des SPD-Ortsvereins veröffentlicht)

 

Der Neubeginn nach 1945

Bereits wenige Monate nach dem Zusammenbruch des Dritten Reiches hatten sich die Tettnanger Bürger Wilhelm Beck, Karl Huber, Engelbert Ziegler, Karl Meshmer und Pius Riedel zusammengefunden, um nach langen Jahren des Verbotes unter der Naziherrschaft wieder einen SPD-Ortsverein zu gründen.

Dass dies gar nicht so leicht war, ist aus den Unterlagen der Tettnanger SPD zu ersehen: Bestimmend war in jener Zeit die französische Militärregierung, nur sie konnte die notwendige Genehmigung erteilen. Am 19. Januar 1948 stellten die bereits genannten Bürger ein „Gesuch“ an das Tettnanger Bürgermeisteramt, um eine Gründungsversammlung einberufen zu dürfen. Von dort aus wurde der Antrag über das Landratsamt an die französische Militärregierung weitergeleitet. In diesem Gesuch wurden unter anderem folgende Ziele des künftigen Orstvereins genannt: „Erziehung der Bevölkerung zur Demokratie durch öffentliche Veranstaltungen, Mitarbeit an der Ausmerzung der Nazis in Staat und Verwaltung“. Erst am 21.05.1946 lag die Genehmigung vor.

Nun stand der Wiedergeburt des SPD-Orstvereins nichts mehr im Wege: Die Gründungsversammlung fand am 25. Mai 1946 in der Bahnhofswirtschaft in Tettnang statt. Der Ortsvereinsvorsitzende Wilhelm Beck teilte drei Tage später der französischen Militärregierung die Tagesordnung der Gründungsversammlung, das Ergebnis der Vorstandswahlen sowie das Protokoll eines vom Meckenbeurener Oberlehrer Lang gehaltenen politischen Referates mit. In diesem Referat, das die Frage „Was will die Sozialdemokratie?“ zum Thema hatte, forderte Lang – gemäß dem sozialdemokratischen Grundwert der Solidarität mit den Schwächeren in der Gesellschaft-, dass „jeder Mensch grundsätzlich diejenigen Güter und den Lebensstandard erhalten muß, der ihm Kraft seiner Fähigkeiten, seiner Leistungen und seiner Arbeit zukommt“ und „daß derjenige, der ohne Verschulden nicht in der Lage ist, sich selbst das zum Leben Erforderliche verschaffen zu können, von den anderen seinen Lebensunterhalt erhalten muß“ und zwar „als Erfüllung eines in der sozialen Rechtsordnung begründeten Rechtsanspruches.“
Am Schluss führte Lang aus: „Der Sozialismus ist das Programm aller, die nicht vom Ergebnis kapitalistischer Ausbeutung leben, also nicht nur der Industriarbeiter allein, sondern auch der Bauern, Angestellten, Beamten, Gewerbetreibenden und geistigen Berufe“.

Dass der SPD-Ortsverein auch in den Jahren nach seiner Wiedergründung vom Wohlwollen der französischen Militärregierung abhing, belegen diverse Dokumente aus dieser Zeit. Ohne eine Genehmigung durften beispielsweise weder Mitgliederversammlungen einberufen noch Wahlplakate aufgehängt werden.
Indes, trotz aller Widrigkeiten war die SPD-Tettnang in den Nachkriegsjahren sehr aktiv und dank ihrer Beziehungen zu führenden Politikern der damaligen Regierung von Württemberg-Hohenzollern – wie etwa Fritz Erler, Dr. Carlo Schmidt, Viktor Renner – konnte sie in der damals von Mangel und Entbehrungen geprägten Zeit manche Not lindern.

Dies schlug sich auch bei der Mitgliederzahl nieder: laut Mitgliederliste vom 3. Februar 1947 hatte der Tettnanger Ortsverein bereits 44 eingetragene Mitglieder – darunter 11 Frauen (25%!). Zeitweilig stieg die Zahl sogar auf 90 Mitglieder an.
Bereits am 15. September 1946 fanden in Tettnang die Gemeinderats- und Bürgermeisterwahlen statt. Als SPD-Vertreter zog Hermann Peter (Baumeister) in den Gemeinderat ein. Bei der nächsten Kommunalwahl am 14. November 1948 schließlich nahm der SPD-Ortsverein bereits mit einer eigenen Liste teil, wobei die beiden Kandiaten Franz Priester und Franz Heine die nötigen Stimmenzahlen erreichen konnten, um im Gemeinderat mitzuwirken. Bei Franz Priester dauerte dieses politische Amt bis 1980; zeitweise amtierte er auch als stellvertrender Bürgermeister. Von 1952 bis 1970 gehörte er auch dem Kreistag des Altkreises Tettnang an.

(Der Text stammt aus der Festschrift anlässlich des 125-jährigen Bestehens des SPD-Ortsvereins Tettnang)