Aus dem Leben eines Tettnanger Sozialdemokraten

Interview mit Franz Priester (1906-1996) anlässlich des 125-jährigen Bestehens der SPD-Tettnang


Der Sozialdemokrat Franz Priester (1909-1996)

Franz Priester (1909-1996) war 32 Jahre SPD-Ratsmitglied im Gemeinderat von Tettnang. Zeitweise war er auch stellvertretender Bürgermeister der Stadt und jahrelang Mitglied der SPD-Fraktion im Kreistag.

Können Sie uns erzählen, was Sie in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg erlebt haben?

Ich bin gebürtiger Pfälzer und in Neustadt an der Weinstraße geboren. Nach dem Besuch der Volksschule habe ich Schlosser gelernt. Das war 1923. Danach war es ausgeschlossen, eine Arbeitsstelle zu bekommen. Auch ich musste gehen. Viele junge Menschen, die damals arbeitslos waren, sind auf Wanderschaft gegangen. Ich war Mitglied der Sozialistischen Arbeiterjugend und bin 4 ½ Jahre durch 12 europäische Länder zu Fuß gewandert. Von Norwegen bis nach Sizilien, über den Balkan und über die Schweiz zurück ging mein Wanderweg.

Was waren wichtige Stationen Ihres persönlichen Werdeganges nach 1935?

Nachdem ich meine Frau, die ich in der Schweiz kennengelernt hatte, geheiratet hatte, fand ich eine Arbeitsstelle bei der Frma Junkers in Dessau. Bei Junkers habe ich an dem ersten Stahltriebwerk mitgebaut. Ich war Monteur und durch meine Frau bin ich 1945 nach Tettnang gekommen. Zurück wollte ich dann natürlich nicht mehr.
Wir hatten dann nach dem Krieg, wie viele andere auch, alles verloren. 1952 habe ich in der ZF in Friedrichshafen angefangen. Ich war in der Abteilung für Elektromagnetkupplungen, habe Montagearbeiten gemacht und wurde dort Werkmeister. 1972 bin ich mit 63 Jahren in den Ruhestand getreten.

Sie waren jahrzehntelang Mitglied im Gemeinderat von Tettnang. Was bleibt Ihnen in Erinnerung, wenn Sie an die Stadtentwicklung denken?

1948, ich war gerade neu in den Gemeinderat gewäht worden, gab esc hon das Tettnanger Heimatfest. Vom Erlös hatte man dann die Wilhelmstraße ausgebaut. Das war zuvor ein Feldweg. In Tettnang lag vieles baulich im Argen. Man wusste zum Beispiel im Rathaus nicht, wie die Kanalisation beziehungsweise das Wasserleitungsnetz verläuft. Die Stadt mit ca 6.000 Einwohnern war stark erneuerungsbedürftig. Die Grundversorgung der Bürger musste neu ausgebaut werden. Das hat sehr viel Geld gekostet. Die Beseitigung der Schulraumnot war ein großes Problem. 1952 wurde die Schillerschule gebaut. Eingeweiht hat sie der Sozialdemokrat und Kultusminister Schenkel. Man glaubte damals, genug Schulraum für die nächsten 50 Jahre zu besitzen. Später haben wir den Bau des Schulzentrums am Manzenberg angepackt. Ich glaube, darauf können wir heute nach wie vor stolz sein.
Dem Bau des Kreiskrankenhauses ging eine Auseinanderserzung mit der Stadt Friedrichshafen voraus. Bei der Wahl des Standortes wurde schließlich Tettnang berücksichtigt.

Was fällt Ihnen zu der Zeit ein, als der SPD-Ortsverein wiedergegründet wurde?

Unmittelbar nach dem Krieg sind sehr viele Menschen nach Tettnang zugezogen. Die Menschen waren sogenannte „Selbstversorger“. Sie erwarteten von uns Unterstützung beim Lebensnotwendigen, zum Beispiel dass jemand genug Holz für den Winter bekam. Ende der Vierzigerjahre hatte der Verein sark steigende Mitgliederzahlen. Doch 1952 war er am absoluten Nullpunkt angekomen. Ich musste den Verein zeitweise kommissarisch führen. Ohne meine Frau wäre mir das nicht gelungen. Auch die Genossen Pfluger, Wuhrer und Friedrich waren treue Helfer.

Als SPD-Einzelkämpfer im Gemeinderat waren Sie gewiss manchen Belastungen ausgesetzt?

Neben meinen beruflichen waren die persönlichen Belastungen im politischen Bereich zeitweise sehr groß. Ich glaube, ich habe nur durch mein klares Auftreten die vielen Schwierigkeiten gemeistert. Im Gemeinderat habe ich es mit der konservativen Mehrheit nicht leicht gehabt. Die SPD war natürlich jahrelang das „rote Tuch“. Mit diesen Anfeinungen musste man fertig werden.

Erinnern Sie sich noch an eine SPD-Initative im kommunalen Bereich?

Unter anderem war ich auch Mitglied des „Abwasser Zweckverbandes Unteres Schussental (AUS)“. Da wurden Faultürme gebaut. Schon damals habe ich daran gedacht, Energie einzusparen. Ich machte den Vorschlag, man könne doch die Gärgase auffangen und das Gas umwandeln in eine Stromgewinnung. Die Anlage wurde gebaut.

Welche von Ihren vielen ehrenamtlichen Tätigkeiten waren Ihnen besonders wichtig?

Nach dem Krieg waren meine Frau und ich unter anderem bei der Arbeiterwohlfahrt Friedrichshafen und dem Sprengel Tettnang aktive Mitglieder. Wir haben Spenden gesammelt damit Tettnanger Kinder und bedürftige Mütter in Erholungsheime geschickt werden konnten. Auch in der Altenfürsorge in Tettnang waren wir tätig.


Können Sie uns als alter Sozialdemokrat einige Ihrer Grundüberzeugungen darlegen?

In erster Linie wollte ich keine Alltagsfliege sein. Ich habe mir immer die Frage gestellt, wie muss ich mich als Sozialdemokrat verhalten? Mir war wichitg, dass die Menschen einen Arbeitsplatz haben. Einer meiner Grundsätze hieß: Versuche dem Menschen zu helfen, wenn dies der Allgemeinheit nicht schadet!

Herr Priester, wir danken für dieses Gespräch.

 

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